was wäre, wenn eine Grundsicherung durchgesetzt wird?

von: Samy1
am 16.Oct.2006 19:30:37

Der Ruf nach einer bedingungslosen Grundsicherung wird in Europa immer lauter. Ein neues Sozialmodell wird gefordert. Genauer genommen wäre es ein komplett neues Gesellschafts- bzw Weltbild.
Die Finanzierbarkeit stellt nicht das Problem dar. Es gibt etliche Finanzierungsmodelle. Aber hört sich die Forderung nach einer Grundsicherung nicht anarchistisch an? In gewisser Hinsicht: Ja, weil es unserer Vorstellung vom Leistungsaspekt der Gesellschaft widerspricht.

Die Hauptforderung der Anhänger der Grundsicherung ist ja 800.- bedingungsloses Einkommen pro Person. D.h die Trennung von Arbeit und Einkommen. Die Vorteile, die daraus erhofft werden sind zahlreich und sollen die Armut und Existenzangst bekämpfen. Der Mensch soll sich nicht mehr krampfhaft um seine Existenz kümmern müssen, sondern Zeit und Energie für seine "Selbstverwirklichung" einsetzen. Der Mittelpunkt des Lebens stellt oft die Arbeit dar, die meistens als Zweck zur Geldbeschaffung dient und eigentlich nicht direkt im Interesse des Menschen steht. Wenn das Druckmittel "Geldbeschaffung" wegfällt, würde das die Freiheit des Menschen erhöhen. Der Mensch würde aus freien Willen arbeiten, wodurch die Arbeitsqualität steigen würde.
Ein weiterer wichitger Aspekt soll das Abschaffen von sozialen Spannungen sein, die ein Hauptproblem in den "Industriestaaten" sind. Moralisch gesehen, ist die Idee einer Grundsicherung natürlich ein Meilenstein, weshalb u.a auch die katholische Sozialakademie eine glühende Verfechterin ist (http://www.grundeinkommen.at/).

Die Erwartungen aus der Grundsicherung sind breitgefächert:

  • mehr Autonomie für Unternehmer innen und Unternehmer durch deren Befreiung von der Verantwortung als "Arbeitgeber"
  • mehr Autonomie für Eltern durch die größere Einkommensunabhängigkeit
  • die Wahrung der Würde der Ärmeren und die Beseitigung von Stigmatisierungen
  • die Humanisierung der Arbeit, die Förderung von nachhaltiger Bildung, die Stärkung der Familien und die Steigerung der Geburtenrate
  • Stärkung der Gleichberechtigung der Frau

Für viele ist die Idee der Grundsicherung eine linksradikale Idee. Wenige wissen, dass sie auch eine neoliberale Forderung ist. Denn die hohe Produktivität und Technisierung verbunden mit der Auslagerung von Arbeitskräften in günstig produzierende Staaten führt langfristig zur sog. 70:30 Gesellschaft. - Es werden einfach weniger Arbeitskräfte benötigt. Die Mehreinnahmen können aber zu einer Form der Grundsicherung führen. Denn die Wirtschaft muss durch die Kaufkraft der Bevölkerung aufrecht erhalten werden. Armut bringt letzendlich keinem etwas.

Auf der anderen Seite stellen sich viele Fragen auf. Wenn man nicht mehr gezwungen wird zu arbeiten, wer macht dann die unbeliebte Arbeit? Solche Arbeiten müssten deutliich besser bezahlt werden. Überhaupt würden  die Arbeitskosten steigen. Denn schlußendlich gäbe es deutlich mehr, die dann diese bedingungslose Leistung der Grundsicherung in Anspruch nehmen. Denn eine solche Umstellung würde wahrscheinlich erst in ein bis zwei Generationen greifen. Man muss nämlich bedenken, dass es schon bei der Bildung anfängt. In unserem heutigen System dient die Bildung bzw der vorzeitige Abbruch des Bildungswegs in erster Linie der Geldbeschaffung und nicht den eigenen Interessen. Die persönlichen Interessen werden durch dieses Gesellschaftsystem nicht gefördert. Wenn man plötzlich die Grundsicherung einführen würde, wüßten viele Menschen nicht ihre Interessen, im Zeitalter von Massenmedien und einer 40Std/Woche.

Gäbe es also plötzlich einen Arbeitskräftemangel, weil zu viele Menschen mit der Grundsicherung zufrieden sind bzw. keinen anderen Anreiz haben zu arbeiten  (außer Geld zu verdienen)?
Die Löhne müssten wahrscheinlich steigen, um einen Anreiz zu bilden. Das hätte wiederrum negative Folgen für die Wirtschaft.

Ist die Grundsicherung also eine Utopie, die das Wesen des Menschen zu optimistisch betrachtet? Wäre sie wirklich umsetzbar, ohne das sie ausgenützt werden würde? Das wäre wahrscheinlich erst nach einem Experiment klar. Denn in der Praxis schaut die Theorie gleich ganz anders aus.

http://www.unternimm-die-zukunft.de/
wien.gruene.at/grundsicherung/
bearbeitet am 18.Nov.2006 23:32:43
bearbeitet am 18.Nov.2006 23:37:20
bearbeitet am 13.Dec.2006 16:45:57





Kommentare

von: Anonym
am 17.Oct.2006 17:58:16

Es gibt keine andere Lösung

Man kann Arbeit nicht herstellen, erschaffen oder erzwingen. Man kann nur bessere Rahmenbedingungen für mehr Abeit schaffen. Erfolg hat oder hatte(n) politische Reformen vor allem in Deutschland damit aber nie. Wir leben im Überfluss, uns geht es wirklich unglaublich gut hier in Europa und es wird Zeit, dass die Arbeit neu definiert wird! Das Grundeinkommen wäre eine soziale Revolution! Viele Menschen könnten selber etwas schaffen und eigene Talente nutzen. Vielleicht würde mit einer soliden Grundsicherung die Zahl erfolgreicher Existenzgründungen steigen. Wer kann das schon sagen? Fakt ist: so wie heute kanns nicht weitergehen. Entweder wir machen nun diesen wichtigen Schritt oder wir haben bald Zustände wie in Amerika.

von: Anonym
am 17.Oct.2006 22:34:13

Man muss es ausprobieren

Es ist ein lohnenswertes Projekt, dass man ausprobieren sollte. Wenn es funktionieren würde, hätte das enormen Vorzeigecharakter. Wenn das Projekt scheitern würde, wäre das nicht schlimm. Denn der finanzielle Verlust wäre nicht dramatische. Höchstens die Umstellung würde kompliziert sein.

Eine bedingungslose Grundsicherung sollte anfangs im kleinen Rahmen durchgeführt werden. In kleineren Staaten wie Österreich oder die Schweiz bzw. in einzelnen Bundesländern. DAnn könnte man die Umsetzbarkeit beurteilen.

Aber die Grundsicherung wäre ein wichtiges humanistisches Zeichen, dass den Menschen wieder in den Mittelpunkt stellt.

von: Anonym
am 17.Oct.2006 23:41:50

Freiheit statt Vollbeschäftigung!

http://www.freiheitstattvollbeschaeftigung.de/

von: Anonym
am 19.Mar.2007 13:47:53

Text Die Beste Grundsicherung ist Arbeit,und wie man daran kommt hat ein gewisser Silvio Gesell beschrieben. Ein gewisser Michael Unterguggenberger , Bürgermeister von Wörgl hat diese Theorien mit duzrchschlagendem Erfolg in die Praxis umgesetzt. Das ging so lange gut bis Kapitalisten die Sache gestoppt haben.

von: Anonym
am 30.May.2010 23:0:21

Bedingungslose Grundsicherung?

Natürlich ist eine Abkoppelung von Arbeit und Einkommen zu begrüßen. Doch derzeit ist es doch so, dass Unternehmen ihre Gewinne an die Eigentümer aufteilen. Die Beschäftigten werden immer mehr in prekäre Arbeitsverhältnisse gepresst.
Das heißt also, wie will man die Besitzer des Produktivvermögens dazu bewegen einen Teil der Unternehmensgewinne der Gesellschaft zu Fianzierung eines solchen Grundeinkommens zu gewähren.

Sicher würde sich das Lohngefüge erhöhen, denn ein potentieller Arbeitnehmer muß nicht mehr einen Job um jeden Preis annehm,en müßten. Doch dann würden Unternehmen verstärkt in Länder abwandern, in denen es diese bedingungslose Grundsicherung nicht gibt.
Dann muß geregelt werden, ab welchem Alter einer Person diese Grundsicherung zusteht. Ich denke da an pupertierende 16-jährige, die Zugriff auf ihr bedingungsloses Grundeinkommen fordern.

Die Gefahr, dass keiner mehr etwas tun möchte sehe ich nicht. Es wird sich die Wirtschaft im Preisgefüge an diesse Grundsicherung anpassen. Somit würden die 800 Euro wirklich nur zum überleben reichen. wer höhere Ansprüche ans Leben stellt (schicke Klamotten, Auto, Urlaub,etc.), wird gezwungen sein sich eine Tätigkeit zu suchen. Doch Menschen können mehr ihre Interessen und Neigungen ausbilden und damit eine Tätigkeit ausüben die sie erfüllt. Für Arbeiten die unbeliebt sind, die aber notwendig sind, müsste dann eben mehr bezahlt werden.

Statt eines bedingungslosen Grundeinkommens wäre es doch besser die Bevölkerung am Produktivkapital zu beteiligung in Form einer Vergesellschaftlichung.

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