wenn man Kreuzspinnengene in Ziegenerbgut einbauen würde?

von: Samy1
am 04.Dec.2006 22:28:27

Biotechnologie hat Phantasie!

Wenn man Fernseh schaut, denkt man sich ab und zu: So etwas kann nur einem Drehbuchautor mit viel Phantasie einfallen, oder einem der zwanghaft nach einer neuen Geschichte sucht. Wenn man diese Einfälle aber dann hinterfragt, kommt oft heraus, dass Wissenschaftler längst damit experimentieren oder, dass diese Einfälle längst realisierbar sind, jedoch wegen moralische Bedenken (zum Glück) nicht umgesetzt werden.

Die Gentechnik ist ein sehr experimentierfreudiger Bereich der Wissenschaft. Einfach deswegen, weil es etliche Möglichkeiten gibt. Schon seit Mendel wird Saatgut gekreuzt, um zu sehen, was dabei rauskommt. Im Prinzip macht die Gentechnik nichts anderes. Dabei kommen ab und zu nützliche Resultate heraus, noch öfter geht aber etwas schief, genau so oft kommen Lebewesen zu Leid.

Einige Bsp:


-) Wissenschafter arbeiten daran, transgene Schweine zu züchten, die "vermenschlichte" Organe besitzen. Man erhofft sich dabei ein Ersatzteillager für Menschen zu züchten, ohne dass der Körper die Schweineorgane abstösst. Durch Modifikation der Schweinegene und Abschaltung bestimmter Oberflächengene, soll die menschliche Immunabwehr bei der Transplantation ausgetrickst werden.
Natürlich wird auch hier heftig herumexperimentiert. So ist es amerikanischen Forscher gelungen das Herz eines transgenen Schweins in einen Pavian einzupflanzen. Der Affe überlebte immerhin 96 Tage. Wie viele Affen und Schweine "verwertet" worden sind, ist nicht bekannt.
Hier sieht man wieder, dass der Stoff aus den Filmen nicht weit hergeholt ist.

-) Die US-Biotechfirma GTC hat eine Herde Ziege gezüchtet, deren Milch das wertvolle menschliche Eiweiß Antithrombin enthält. Es wird zur Medikamentenherstellung genützt. - Das erste Medikament, dass in einem transgenen Tier produziert worden ist und in der EU zugelassen ist. Es hat sich nämlich, nach langem Experimentieren, herausgestellt, dass man entsprechende Gene in das Erbgut von Säugetieren einbauen kann, um bestimmte Stoffe aus deren Milch zu gewinnen. Anfang der neunziger galt die Geburt eines transgenen Tieres als Sensation. Das ist ein revolutionärer Schritt und bringt v.a den Firmen  enorme Gewinne ein. Ein Kilo des erwähnten Antithrombin kostet sieben Millionen Dollar. Der Jahresbedarf kann dabei von 57 Ziegen oder sogar 6 Rindern ermolken werden. Bisher mussten 315 000 Blutspenden dafür verarbeitet werden. Die Biotechfirmen steigen in die Landwirtschaft ein, und erkennen die Vorteile davon. Man spricht auch von "Gen Pharming". Doch die gentechnisch veränderten Säugetiere produzieren die benötigten Stoffe nicht nur um ein Vielfaches günstiger als in Zellkulturen und künstlichen Bioreaktoren.- Sie können Stoffe produzieren, die künstlich gar nicht herstellbar sind. Werden also in Zukunft die Biotechfirmen Kühe verwenden, um Medikamente herzustellen und dafür das Fleisch in Zellkulturen heranzüchten? siehe Wenn unser Steak und Schnitzel vom Labor kommt?

-) Wie gesagt, sind die Möglichkeiten fast unbegrenzt. Zb hat ein kanadischen Unternehmen das Erbgut von Ziegen so mit Kreuzspinnengenen "verfeinert", dass deren Milch den Rohstoff für Spinnenseide enthält. Das Produkt nennt sich bezeichnenderweise "Biosteel". Verwertbare Fasern lassen sich zwar nur schwer erzeugen, jedoch wurde ein Traum der Menschheit wahr. Man muss nämlich bedenken, dass Spinnenseide ungleich robuster ist, als alle künstlich produzierten Kunstfasern. Die Biotechfirma arbeitet derzeit mit dem US-Militär zusammen, um schusssichere Westen aus Spinnenfäden zu produzieren.

Die europäische Arzneimittelbehörde hat auf diesen Trend teilweise reagiert und sich zb auf die Verwendung von Tiergewebe im Menschen eingestellt. Seit dem Jahr 2004 ist eine Richtlinie in Kraft, die besagt, dass Menschen mit tierischen Gewebe- oder Organtransplantationen lebenslang überwacht werden müssen.  Denn in einem Wissenschaftsbereich, wo so viel schief gegangen ist, bis verwertbare Resultate produziert werden konnten, sind Nebenwirkungen und undenkbare Auswirkungen wahrscheinlich. Oft kennen die Wissenschafter  die Ursachen nicht , warum ein Experiment funktioniert oder fehlschlägt. Um so glücklicher sind sie, wenn ein Experiment gelingt. Das Erfolgserlebnis lähmt anscheind oft den gesunden Menschenverstand und lässt diesen das Resultat und die Nebenerscheinungen nicht hinterfragen.

Was wäre, wenn wir Säugetiere massiv ausbeuten würden, um alle möglichen Produkte billig und ohne grossen Aufwand herzustellen. Wird uns der Erfolg und der Nutzen blind machen? Kennt der Mensch die Mechanismen der Genetik und das Erbgut so ausgiebig, dass dieser grosse Schritt verantwortlich wäre? Oder sind die Erfolge nur Nebenprodukte von zahlreichen Experimenten, ohne genaues Wissen (also ohne Kontrolle) darüber? Was wäre, wenn die transgenen Tiere sich mit "normalen" Tieren ihrer Art paaren, und somit eigentlich selbständig Experimente und Genkombinationen ausprobieren? Was passiert, wenn transgene Tiere in die Nahrungskette gelangen? Ist so etwas kontrollierbar?
Ähnliche Entwicklungen des unbedenkten Einsatzes von Gentechnik sieht man in der Landwirtschaft, wo man den Wind nicht aufhalten kann, das genetisch veränderte Saatgut zu verteilen, welches sich dann mit herkömmlichen Saatgut kreuzt usw.

Vor allem weil dieser Bereich ungleich heikler ist, als landwirtschaftliche Gentechnik, ist Vorsicht geboten. Man darf sich nicht vom Erfolg blenden lassen, und prinzipielle Aspekte der Vorsicht vernachlässigen. Transgene Tiere sind aber anscheinend der nächste Schritt der Biotechfirmen.
Landwirtschaftliche Gentechnik -> transgene Tiere -> kommt als nächstes der Mensch dran?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass in den nächsten Jahren ein Gen Pharming Boom ausbrechen wird. Trotz aller Bedenken - die Biotech- und Pharmafirmen haben die entsprechenden Lobbies und Geld um ihre Produkte durchzusetzen. Ähnlich der landwirtschaftlichen Gentechnik werden wahrscheinlich wieder die Länder der Dritten Welt als Versuchslabor dienen.

bearbeitet am 13.Dec.2006 16:33:34





Kommentare

von: Anonym
am 15.Mar.2010 20:38:48

...dann müssten demnächst die Spinnen geschoren werden :D

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